Der Himmel ist blau und wolkenlos. Die Sonne steht tief am Horizont und wirft ihr Licht auf die unberührte Landschaft. Es gibt keine Anzeichen menschlichen Lebens.
Die Wiesen dieser letzten Grenze der Zivilisation sind teilweise noch mit Eis bedeckt und durchzogen von majestätischen Flüssen. Die weißen Birken der Wälder ragen wie alte Knochen gen Himmel, und weiter nördlich warten Tausende Quadratkilometer Berge und Seen. Am Boden ziehen Hunde einen kleinen Schlitten. Der Schlittenführer schaut auf und winkt hoch zu dem kleinen, tief fliegenden Flugzeug. Die ersten Akkorde von „Hard Sun“ erklingen in der Kabine. Eddie Vedder hat diesen Song für den Film „Into the Wild“ geschrieben. Der Mann am Steuer der Piper PA-18 Superclub zieht die Nase des Flugzeugs schnell und elegant nach oben. Die kleine einmotorige Maschine für Buschfliegerei steht vor der Sonne, macht kehrt, geht in den Sturzflug und fliegt ruhig weiter.
Der Pilot fragt sich mit einem schiefen Lächeln, ob sich so wohl reale Träume anfühlen. Der Mann auf dem Schlitten johlt auf, lacht aufgeregt und reckt seine Faust gen Himmel. Paul, der Pilot überprüft die Instrumente und korrigiert die Route leicht, ein paar Grad weiter nach rechts. Während die Sonne ihre letzten Strahlen über Seward’s Folly schickt, fängt er an zu singen. Seward’s Folly, so wurde Alaska 1867 genannt. Dieses extreme Gebiet, das allein so groß ist wie der gesamte Mittlere Westen der USA, hat nicht immer zu den Vereinigten Staaten gehört. Vor langer Zeit kamen die ersten Menschen über die Aleuten und die Beringstraße und bevölkerten den Kontinent. Doch die ersten europäischen Siedler in diesem eisigen, abgeschiedenen Landstrich waren Russen. Jäger und Pelzhändler ließen sich an ein paar vereinzelten Handelsposten nieder. Getrieben von ihrer Gier fristeten sie ein armseliges Dasein an der Grenze des menschlich Möglichen – in der Hoffnung, reich zu werden und als gemachte Männer in ihr Mutterland zurückzukehren. Nachdem es 1867 noch immer nicht gelungen war, dieses schöne aber unwirtliche Gebiet in eine richtige Kolonie zu verwandeln, beschloss Russland, es an die USA zu verkaufen. Die Verhandlungen führte Außenminister William Seward, und in einer Nacht wurde der Deal besiegelt: Zar Alexander II. erhielt 7,2 Mio. Dollar im Tausch gegen eine 1,7 Millionen Quadratkilometer Land: Alaska. Nicht alle Zeitgenossen hielten das für eine gute Idee: So viel Geld für ein Gebiet auszugeben, das vor allem ungastlich und unproduktiv war, schien völliger Wahnsinn zu sein. Bis ca. 30 Jahre später der Goldrausch in Klondike einsetzte. Pauls Flugzeug wird langsamer und verliert an Höhe. In den letzten Sonnenstrahlen hält er entschieden auf einen kleinen Hügel zu und dreht nach links ab. Ein kleiner Steifen Land taucht auf, umgeben von hohen Birken. Sehr, sehr klein. Paul denkt daran, wie furchteinflößend es war, das Starten von hier zu lernen, und mit welcher Leichtigkeit Ken es macht; er greift den Steuerknüppel fester und bringt das Flugzeug mit Kalkül und Können zu Boden.
Kurz bevor Paul den Motor startet und zu einem neuen Abenteuer aufbricht, taucht Ken auf, noch etwas verschlafen. Der Amerikaner klopft sanft an den Flugzeugrumpf, streichelt ihn. „Wir haben definitiv ganze Arbeit geleistet bei diesem alten Haufen Eisen von 1959, findest du nicht? Es sieht wirklich beeindruckend aus.“ Paul kommt aus der Kabine, steigt hinunter und nickt. „Naja, du hast ganze Arbeit geleistet, ich war nur dein Lehrling. Ken, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll. Du bist ein wunderbarer Mensch und ein echter Freund.“ Ken winkt ab, grinst und murmelt etwas, er mag keine Komplimente. „Hey“, sagt Paul, „warum kommst du nicht mit? Es ist schon eine Weile her, seit wir das letzte Mal zusammen geflogen sind.“ Ken streicht gedankenverloren über die funkelnden Blätter des Supercub-Rotors. „Ich würde gerne mitkommen. Mit dir zu fliegen und dir beizubringen, wie man über Alaska fliegt, war wunderbar. Ich glaube, wenn man jemandem den Ort zeigt, an dem man lebt, hat man die Gelegenheit, ihn noch einmal mit neuen Augen zu sehen. Ich habe dir vielleicht ein paar Buschpiloten-Tricks beigebracht, aber du hast mich daran erinnert, warum ich dieses verdammte Eis so liebe.“ Dann legt Ken seine Stirn in Falten und verzieht den Mund. „Aber heute muss ich leider nach Anchorage für den monatlichen Einkauf, und da muss ich mit dem Auto hin.“ Paul und Ken lachen freundschaftlich. Sie klopfen sich auf die Schulter, verabschieden sich, und schon sitzt Paul startklar in der Kabine. Ken schlendert zurück zum Haus.
Paul kurbelt das Fenster runter. „Hey Ken!“ Der Alaskaner mit etwas wirrem Haar dreht sich um und starrt den Österreicher an. Vielleicht liegt es am Licht der Morgendämmerung, aber er sieht mehr als nur einen Piloten, mehr als nur einen Abenteurer. Er sieht einen Mann, der keine Angst davor hat, neue Wege zu gehen, einen Traum zu verfolgen und den wahren Spirit Alaskas zu verstehen, das weit mehr ist, als nur die Grenze der Zivilisation. Er sieht jemanden, der fliegt, um zu fliegen, jemanden, für den die Luft nicht nur etwas ist, durch das man mit seinen Flügeln oder Schirmen gleitet. Jemanden, für den die endlosen Kilometer Tundra, Seen und Berge nicht bloß Distanzen sind, die man zurücklegen muss, sondern ein Ort, an dem man zu sich selbst findet. Vielleicht liegt es am Licht der Morgendämmerung, aber Ken ist geradezu gerührt von dem Gedanken. „Ken, ich wollte sagen… ach, vergiss es. Danke, du bist großartig, wir sehen uns in vier Tagen. Bring Bier mit!“ Ken hebt den Daumen. Paul lässt den Motor an, startet mit eleganter Präzision von dem schmalen Streifen, den er jetzt Startbahn nennt. Er gewinnt an Höhe, während die aufgehende Sonne Seward’s Folly in helles Morgenlicht taucht. Vier Stunden später steht sein Flugzeug am Rande eines namenlosen Tals, irgendwo östlich von Peters Dome. Paul rennt, hinter ihm faltet sich der Gleitschirm auf, und seine Füße verlieren den Kontakt zum Boden unter ihm. Rings um ihn erstreckt sich eine endlose Weite voller neuer, unglaublicher Orte. Und weit und breit ist keine Menschenseele, kein Haus und kein Weg zu sehen. „Fliegen, um zu fliegen“, denkt er glücklich lächelnd und macht es sich in seinem Sitz bequem. „Ja, genauso fühlt es sich an, wenn Träume wahr werden.“