Vor sieben Jahren habe ich für eine kurze, aber prägende Zeit in Bergen gelebt. Auch nachdem ich die Stadt verlassen hatte, hat sie mich nie ganz losgelassen. Die salzige Luft vom Meer, die Berge direkt vor der Haustür, die gelebte Outdoor-Kultur – und ja, selbst das unberechenbare Wetter. Bergen war einer dieser Orte, an die ich immer zurückkehren wollte.
Anfang Mai war es endlich so weit.
Gemeinsam mit meinem langjährigen Partner Salewa kehrte ich zurück – mit einem Vorhaben, das kaum besser zu dieser Stadt passen könnte: Bergens berühmte Sieben Berge beim Speed Hiking zu erleben. Genau hier habe ich vor Jahren meine Begeisterung dafür entdeckt. Speed Hiking bewegt sich irgendwo zwischen klassischem Wandern und Trailrunning. Schnell genug, um sportlich und fordernd zu sein, aber langsam genug, um die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Genau diese Balance macht für mich den Reiz aus. Man kommt zügig voran, bleibt aber mit der Landschaft verbunden. Und ehrlich gesagt: Es gibt kaum einen besseren Ort dafür als Bergen. Statt alle sieben Berge an einem einzigen Tag abzuhaken, habe ich die Touren auf fünf Tage verteilt. Mir ging es nicht darum, eine Herausforderung möglichst schnell zu bewältigen. Vielmehr wollte ich an einen Ort zurückkehren, der meine Liebe zu den Bergen und zum Unterwegssein in der Natur entscheidend geprägt hat.
Tag 1: Lyderhorn
Meine Tour begann am Lyderhorn, dem Berg westlich von Bergen mit Blick aufs Meer.
Es fühlte sich nach dem perfekten Einstieg an. Schon nach den ersten Metern waren die Erinnerungen wieder da: feuchte Waldpfade, kühle Luft vom Atlantik und diese besondere Ruhe, die man findet, sobald die Stadt hinter einem liegt.
Und natürlich machte das Wetter, was es in Bergen am besten kann.
Innerhalb einer einzigen Tour erlebten wir Sonnenschein, Nebel, Wind, Regen und sogar etwas Schnee kurz vor dem Gipfel. Eben noch lag der Fjord klar unter uns, im nächsten Moment verschwand alles in den Wolken.
Doch genau das macht Bergen so besonders. Hier plant man nicht gegen das Wetter – man nimmt es an und bewegt sich weiter.
Tag 2: Fløyen und Rundemanen
Der zweite Tag führte über zwei Gipfel: Fløyen und Rundemanen.
Fløyen ist wohl der bekannteste Berg der Stadt. Nach all den Jahren dorthin zurückzukehren, war dennoch überraschend emotional. Einige Abschnitte des Weges brachten Erinnerungen zurück, an die ich lange nicht mehr gedacht hatte – kleine Momente aus meiner Zeit in Bergen, die plötzlich wieder präsent waren.
Hinter Fløyen ging es weiter Richtung Rundemanen. Mit jedem Höhenmeter rückte die Stadt weiter in die Ferne, während die Landschaft offener und stiller wurde.
Genau dieser Wandel fasziniert mich am Speed Hiking. Innerhalb weniger Stunden durchquert man völlig unterschiedliche Welten: von belebten Straßen zu stillen Waldwegen, von Menschenmengen zur Ruhe, aus der Stadt hinaus in die Natur.
Tag 3: Ulriken
Am dritten Tag stand Ulriken auf dem Programm – mit 643 Metern der höchste der sieben Berge und für mich persönlich der eindrucksvollste.
Wir starteten erst am späten Nachmittag, was der Tour eine ganz besondere Stimmung verlieh. Was ich an Bergen schon immer geschätzt habe: Bewegung in der Natur gehört hier ganz selbstverständlich zum Alltag. Selbst nach Feierabend waren die Wege voller Menschen – laufend, wandernd oder einfach draußen unterwegs.
Diese Verbundenheit mit der Natur ist in Bergen überall spürbar.
Und wieder änderte sich das Wetter innerhalb kürzester Zeit. Wir starteten bei fast sommerlichen Bedingungen und erreichten den Gipfel bei Schnee und eisigem Wind. Ganz typisch Bergen.
Als kurz vor Sonnenuntergang die Wolkendecke aufriss und die letzten Sonnenstrahlen über Fjorde und Berge fielen, war jeder Höhenmeter vergessen.
Tag 4: Sandviksfjellet
Im Vergleich zum Ulriken wirkte das Sandviksfjellet ruhiger, etwas abgelegener und weniger begangen. Das Wetter zeigte sich erneut von seiner wechselhaften Seite. Zu diesem Zeitpunkt der Woche hätten wir uns kaum noch gewundert, wenn es auch an diesem Tag wieder geschneit hätte. Tatsächlich waren wir auf dieser Reise an gleich drei Tagen im Mai im Schnee unterwegs – beim Speed Hiking in Bergen fast schon normal. Genau das gefällt mir an solchen Bedingungen. Beim Speed Hiking nimmt man die Umgebung besonders intensiv wahr, weil sich ständig etwas verändert: die Temperatur, die Sicht, das Licht, der Untergrund. Gerade in Bergen zwingt einen das Wetter dazu, ganz bei der Sache zu bleiben. Ein einziger Tag kann sich anfühlen wie mehrere Jahreszeiten innerhalb weniger Stunden.
Tag 5: Løvstakken und Damsgårdsfjellet
Der letzte Tag führte uns über Løvstakken und Damsgårdsfjellet. Vom Løvstakken aus bot sich noch einmal ein weiter Blick über Bergen, während sich Damsgårdsfjellet wie der passende Abschluss dieser Woche anfühlte. Etwas abseits der meistbegangenen Wege, ruhiger, stiller – und genau deshalb der richtige Ort, um diese Tage ausklingen zu lassen. Und zum ersten Mal in dieser Woche erreichten wir das Ziel tatsächlich ohne Regen oder Schnee. In Bergen grenzt das fast an ein kleines Wunder. Nach sieben Jahren zurückzukehren, fühlte sich auf eine besondere Weise vertraut an. Manche Dinge hatten sich verändert – und ich mich ebenfalls. Doch die Berge waren noch immer da, das Wetter blieb genauso unberechenbar wie früher, und Bergen ist für mich nach wie vor einer der beeindruckendsten Orte, um draußen in der Natur unterwegs zu sein.