Warum nicht?

Warum nicht?

Es gab eine Zeit, in der Schnee hier in den Bergen elementar war. Ein großer Traum. Gab es keinen Schnee, fehlte etwas.
In den langen, dunklen Novembernächten kauerten sich die Kinder in den Ställen zusammen, eingehüllt in die Wärme der Tiere, und lauschten alten Geschichten.

Doch ihre Gedanken, Träume und Wünsche waren auf die Wolken in der Ferne gerichtet: Die ersten Schneeflocken waren jedes Jahr ein großes Ereignis. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis so viel Schnee gefallen war, dass man endlich Skifahren konnte.

Wobei Skifahren vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist. Eher ging es darum, ein Paar einigermaßen ordentliche Holzlatten von einem kaputten Fass zu ergattern, etwas auf sie drauf zu nageln, das im besten Fall den Füßen Halt bieten würde (alte Pantoffeln, die man heimlich der Tante entwendet hatte, waren beispielsweise perfekt). Und dann ging es die Hänge hinunter. Damals gab es hier noch keine Skilifte. Es gab keine Hubschrauber und keine Schneemobile. Es gab wirklich nichts. Nichts und die grandiosen Berge.

Zu Fuß stieg man auf einen der Hänge über dem Dorf hoch. Die Berge waren eine unerreichbare Kontur am Horizont. Zu steil, zu gefährlich, zu weit weg. Oben angekommen, glitt man auf den selbstgebastelten Skiern hinab ins Tal – mehr oder weniger erfolgreich. Den Besten gelangen sogar ein paar Schwünge. Der Atem eisig in den Wollschals, die Kleidung schneeverkrustet. Hinunter, dann wieder hinauf. Bis einem die Kraft ausging.

Viele waren einfach glücklich, so wie es war. Viele. Aber nicht alle. Denn es gibt immer einen, der große Träume hat, die andere sich nicht vorzustellen wagen. Träume, die für die meisten unerreichbar bleiben. Dieser eine fragte sich, wie es sich wohl anfühlen würde, dort in der Ferne Ski zu fahren, auf den steilen Bergen, die schmalen Felsschluchten hinunter. Verrückt.

Arnaud, Aaron und Eric steigen schnell hoch. Die Felsschlucht öffnet sich: Nicht mehr lange und es wird Zeit, nach links zu queren, die Skier auszuziehen und Eisaxt und Steigeisen auszupacken. Dann gilt es, dem schmalen Grat zum Gipfel zu folgen. Man fühlt das Nichts ringsherum, die Stille so laut, so präsent.

Es ist früh am Morgen. Die Sonne, die gerade erst über dem Plateau aufgegangen ist, streichelt die Spitzen der Palagruppe. Einige Strahlen durchschneiden die dünne Luft. Steigeisen, an Stiefeln befestigt, die knapp anderthalb Kilo wiegen, brechen blaue, winzige Eisstückchen ab. Die Skier in Sandwich-Bauweise, leicht und zuverlässig, ragen über den drei Köpfen hervor. Die scharfen Kanten fangen das klare Morgenlicht ein. Noch durchschneiden sie lediglich die Luft.

Früher war das anders. Es gab keine richtigen Skier. Man musste schon viel Glück haben: Wenn man die richtigen Freunde hatte, nämlich solche, die bei den „Alpini“ – eine Art Gebirgsjäger – waren, bekam man hier und da ein Paar kaputte Skier zur Reparatur. Manchmal waren das zwei verschiedene Ski. Und manchmal musste man ein Stück absägen, wenn sie zu lang waren. Aber verglichen mit den Holzlatten waren sie ein Traum. Mit diesen Skiern konnte man ernsthaft Skifahren und die Pisten schnell und präzise heruntersausen wie die Champions. Wie Zeno Colò, der das Klein Matterhorn mit 160 km/h hinabrauschte. Man musste nur einen zusätzlichen Pullover überziehen und dann konnte man höher und weiter an die Orte vordringen, die bis dato lediglich majestätische Felsgesimse waren. Wer hat eigentlich jemals behauptet, man könnte eine Felsschlucht nicht mit Ski hinunterfahren?

Arnaud ist 32 Jahre alt und fährt Ski, seitdem er laufen kann. So ist das in seiner Familie. Erst in den Bergen seiner Heimat, der Schweiz. Später auch in der großen, weiten Welt. In 30 Jahren ist Arnaud fast überall Ski gefahren: von den Alpen bis zu den Rocky Mountains, von Alaska bis zum Iran. Aber seitdem er den Pale di San Martino entdeckt hat, vergeht kein Jahr, in dem Arnaud nicht zusammen mit ein paar ortsansässigen Freunden den Schnee dort ausprobiert.

Es gibt keine offenen Pisten, auf denen man das Gefühl hat, immer weiter fahren zu können. Diese Berge bestehen aus Dolomit und Kontrasten. Und doch: Es lohnt sich. Vielleicht gerade deswegen. Felsschluchten wie diese – voller scharfer und verspielter Linien – findet man nicht überall. Hier muss man schon verdammt gut Skifahren können.

Eric, der leicht zurückgefallen ist, hält für einen Augenblick an. Hier ist er zuhause, in diesen Bergen wurde er geboren. Er kennt sie wie seine Westentasche, jede Furche, jeden Stein. Eric hält kurz inne, während seine Gefährten schnell aufsteigen. Ihre Konturen sind in hochmoderne, atmungsaktive Thermokleidung gehüllt. Sie stechen in der kühlen und pulsierenden Luft, die voller Verheißung steckt, hervor. Eric lächelt und schüttelt den Kopf. Genau aus diesem Grund liebt er es, anderen die Palagruppe zu zeigen. Es fühlt sich immer wie das erste Mal an: In dem staunenden Blick seiner Begleiter spiegelt sich, was er als Kind gefühlt hat, als er hier zum ersten Mal hinaufstieg. Die immer wieder aufs Neue zu entdeckende Schönheit, die einen umgibt, erfüllt einen mit Leidenschaft, Hingabe und Liebe. Es ist etwas Besonderes.

Aaron beginnt, die Abfahrt zu prüfen. Seine Augen untersuchen die Oberfläche des Schnees in der Felsschlucht. In seinem Geiste stellt er sich die Schwünge vor, die er auf dieser unberührten Fläche hinterlassen wird. Seine Augen bleiben an den Felsstufen und den sich auftürmenden Felsen auf der schmalen Durchfahrt hängen. Mit der Sorgfalt eines Uhrmachers, der den Mechanismus prüft, schätzt Aaron ihre Höhe und Gefahr ab. Wir leben nicht mehr in den Vierzigern, und jeder Winkel dieser Berge wurde bereits erkundet.

Doch wer hat gesagt, dass es keinen Platz mehr für Überraschungen gibt, für Erlebnisse, die dir völlig den Atem verschlagen? Es gibt immer Platz dafür, Neues zu entdecken. Es ist nur eine Frage der Perspektive, der Interpretation. Er blickt auf das Dorf im Tal, das noch im Schatten liegt. Er atmet tief ein. Er lacht verhalten und beginnt, in seinem Rucksack herumzuwühlen.

Stille. Nur der zarte Klang der drei Paar Ski, die immer engere Kurven fahren, durchschneidet die Luft in gleichmäßigem Rhythmus.


Ein kleiner Speedridger-Schirm öffnet sich raschelnd. Arnaud und Eric werden langsamer und fahren vorsichtig links an einer Senke vorbei, die definitiv zu tief ist. Nicht so Aaron. Er lässt seine Ski laufen – genau in die Richtung der Senke. Er kneift die Augen zusammen, so konzentriert ist er. Er geht leicht in die Knie und hebt mit den Skiern ab. Er hält den Atem an. Unter seinen Skiern ist kein Schnee mehr, kein Boden. Nur noch Luft. Nach wenigen Sekunden wirbelt ringsum feiner Schnee auf, weich und glitzernd.

Jeder Fan vom Skibergsteigen sucht früher oder später nach der perfekten Strecke. Ja, denn früher oder später passiert es: Nach einem Abstieg drehst du dich um und blickst auf die verschwindenden Spuren, die deine Ski hinterlassen haben. Du folgst ihnen mit deinen Augen, Kurve um Kurve, lauschst den Gefühlen und Erinnerungen deines Körpers und fragst dich: „Welche ist die perfekte Strecke? Die beste, die ich finden konnte?“. Wahrscheinlich existiert die perfekte Strecke nicht. Wahrscheinlich, weil Dogmen nur etwas für Fundamentalisten sind. Wahrscheinlich ist jeder Abstieg perfekt und es ist egal, ob du die steilste Bergschlucht, die du finden konntest, allein oder mit deinem besten Freund hinabfährst. Wahrscheinlich ist jede Strecke perfekt: Denn am Ende weißt du, dass du beim Skifahren – Kurve um Kurve und begleitet vom Rauschen des Schnees und deinem Herzschlag – dein Leben genauso gelebt hast, wie du es wolltest: in völliger Freiheit.

Weit unten im Dorf zieht eine alte Hand, die den Schnee von 90 Jahren gesehen hat, den Vorhang zu, den sie zuvor aufgezogen hatte, um einen Blick nach draußen zu werfen. Ein Paar trübe Augen leuchten auf. Wie sie es schon taten, als die Welt noch jünger war und man nur auf Holzlatten Skifahren konnte. „Warum nicht?“, flüstert eine Stimme. „Alt ist nur, wer sich alt fühlt. Ja, ich werde heute auch Skifahren gehen.“