Monte-1170

TOP SECRET

#ATHLETESTORY

Ein Morgen Anfang des Sommers: Um 3:45 Uhr klettern vier Bergsteiger aus dem Oggioni-Biwak, einem roten Würfel an der Seite des Monte Disgrazia – dem „Berg der Schande“. In ihren Augen sieht man die Vorfreude auf einen Tag, der verspricht, meteorologisch perfekt zu werden. Der entmutigende Name des Berges macht ihnen dabei keine Angst.

Tatsächlich fällt auf diesen Gipfel keine Bergsteigerschande. Es ist nur eine schlechte Übersetzung des lokalen Dialekts: disglacia bedeutet „schmilzt“ und bezieht sich auf die Gletscher und die vielen Ströme, die hier ihre Quelle haben. Doch vielleicht ist das gar nicht schlimm, denn es verleiht einem der Gipfel, der Valtellina symbolisiert, sprich die Teilung zwischen Valmalenco und Val Masino, etwas Episches.
Außerdem gibt es eine schöne Kindergeschichte über den Berg, in der er Pizzo Bello – Wunderschöner Gipfel – genannt wird. Ein Gipfel so schön, dass die Hirten, die ihn gerade bestaunten, so verzaubert waren, dass sie das Hilfegesuch eines Bettlers ignorierten. Daraufhin rächte sich dieser, indem er einen Fluch auf den Berg legte und dieser unfruchtbar und trocken wurde. Zumindest der Teil über die Schönheit des Monte Disgrazia ist in diesem Märchen ganz sicher wahr.

Die ganze Nacht bläst der Wind gegen die Wände des Biwaks, während sich die Vier nach ihrer Wanderung ausruhen. Ein Höhenunterschied von 1.500 Metern, von 1.621 m in Chiareggio auf 3.152 m bei Oggioni. Einschließlich eines Zwischenstopps in der Hütte in Porro Ventina, wo sie der Hüttenleiter, Floriano Lenatti, mit Essen bewirtete und ihnen Berggeschichten von Valtellina erzählte. Jetzt wartet Corda Molla – wortwörtlich das schlaffe Seil – auf unsere vier Bergsteiger. Eine spektakuläre Route, die entlang des nordöstlichen Bergrückens des Disgrazia bis zu seinem Gipfel auf 3.678 m verläuft. Nur etwa ein Dutzend Klettergruppen stellen sich laut Oggioni-Biwak-Buch jährlich diesem Weg. An diesem Morgen gibt es zwei, geführt von zwei Salewa Bergführern und Kletterern.

Der jüngste ist Francois Cazzanelli, ein 28-Jähriger aus Valtournenche. Vor ein paar Wochen hat er es auf 8.848 Metern auf das Dach der Welt geschafft, wo er, mit etwas Hilfe von Sauerstoff, den Astronauten Maurizio Cheli begleitet hat. Und nur wenige Tage später erreichte er den Gipfel von Lhotse mit Marco Camandona. Er hatte keinerlei Hilfe und schloss somit seine ersten 8.000 Meter ohne Sauerstoff ab. Der andere ist Maurizio Folini. Er ist fast doppelt so alt. Maurizio ist in Valtellina geboren – somit ist der Monte Disgrazia seine Heimat. Doch er fühlt sich sowohl in den Bergen als auch in der Luft zu Hause. In der Tat ist er nicht nur ein angesehener Bergführer. Wenn es um Hubschrauberbergungen in Höhenlagen geht, ist er der erfahrenste Pilot der Welt. Maurizio hält den Rekord der höchsten Langleinenbergung, auf 7.800 Metern.

Wen Francois und Maurizio heute begleiten, ist ein Geheimnis. Kein großes allerdings ... Und es wird in ein paar Wochen gelüftet. Für den Moment reicht es, zu wissen, dass die zwei Klettergruppen den Gipfel des Disgrazia erreicht haben und dann mit elf Doppelseilen entlang der nordöstlichen Wand zum Gletscher hinabgestiegen sind. Die vier Kletterer kehrten durch den nassen Schnee zur Hütte in Porro Ventina zurück, wo alles genauso aussah wie am Tag zuvor. Floriano erwartete sie bereits mit Bier und einem Gericht, das aus typischem Käse und geräuchertem Fleisch aus Valtellina bestand. Nicht gerade der schlechteste Ausklang für einen so wunderschönen Tag...

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